Lenze und Lutze

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''Aus: Der Mundart-Kurier – Mitteilungen der Gesellschaft für Nordhessische Mundarten, Nr. 7, 2006, S. 12. Das folgende Interview ebd., S. 16.''
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''Aus: Der Mundart-Kurier – Mitteilungen der Gesellschaft für Nordhessische Mundarten, Nr. 7, 2006, S. 12. Das folgende Gespräch ebd., S. 16.''
  
  

Version vom 30. Januar 2014, 11:51 Uhr

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Der folgende Text, Teil einer kürzlich in Fritzlar entdeckten mittelalterlichen Handschrift, wurde von mir in der Schreibung unverändert belassen, jedoch mit Umlaut- und Satzzeichen versehen. Etliche ‚e‘ im Auslaut eines Wortes vor vokalisch anlautendem Folgewort werden nicht gesprochen; die zu verkürzenden Wörter sind von mir mit Sternchen (*) versehen worden.
‚Z‘ ist im Anlaut stets als ‚z‘ auszusprechen, sonst als ‚z‘ oder ‚s‘ (man kann sich meist an der neuhochdeutschen Entsprechung orientieren); ‚v‘ ist stets als ‚f‘ auszusprechen, ‚ht‘ und ‚lh‘ als ‚cht‘ und ‚lch‘.

Kalli Klein, 2006


Titelseite des Manuskripts
LENZE UND LUTZE
Von argen buben ein mere in siben possen
Von Cunze von Leimbach (um 1300)
– Mittelniederhessisch –


Der vörlouf
Manec sage mac man vinden
von verworhten, bösen kinden.
Solher zwene, wide* erkennet,
Lenze* und Lutze sin genennet.
wolde man mit klugen leren
zeme guden si bekeren,
danne lacheten die schüllen
und uf daz begunden grüllen.
ja is iemer man bereide
zaller erge* und nidecheide!
menschen ranzen, dier verquelen,
eppel unde biren stelen –
ane melde* is daz genemer
und ouch sunder wan bequemer,
danne* in kirchen oder schule
stede sitzen ufme stule.
doch ouwe! – sodane venden
müzen ockers übele* enden,
und ein zil vele* ungemeit
Lenzen unde Lutzen beit.
des is, daz die beiden triben,
hie gemalet joch verschriben.


Die erste posse
Hüner hat man allewege
gerne* in hude und in plege:
beide von der eiger wegen,
die si vlize suchent legen,
und daz man sich edewenne
braden mac ein veize henne.
me noch bringet nützecheit
dirre diere vederkleit,
so manz in daz bette dut:
gegen kelde is ez gut.
ouch die alde wittib Behte
lac undankes küle* und slehte.
driger hüner si gewielt
und ouch einen hanen hielt.
Lenze* und Lutze sahen zu,
wie man Behten argez du.
dannen eines brodes ende
sniden si enzwei behende
in vier stumbel vingergroz.
krüzewise man beschoz
mit zwein snüren dise stücke
unde leide si mit dücke
nu zer Behten ungemache
rehte* in ere hovesache.
nu daz aber sach der hane,
finc he lude krejen ane:
„kikriki, kikiriki!“
„dac dac dac!“ do quamen si.
ieclich swulh da von dem brode
girliche* einen der vier schrode.
so daz brot nu was geslicket,
waren vele si bestricket.
was begunde do ein zogen,
zarren, dinsen unde gogen
krüzewise vör und wider!
uf si vlugen unde nider,
biz der armen diere hast
nu besloz ein spacher ast.
ere drozzen wurden lanc
unde dunkel ere sanc.
ieclich rasch ein ei noch leide,
danne quam der dot bereide.
aber dirre starke riez
Behten kume slafen liez.
in der döre wande Behte,
daz si niht ensehe rehte!
sa man horde ere wuf
und ere* armen jamerruf:
„mines libes schönsten troum
stal zeware dirre boum!“
trurecliche hup daz wip
uf nu ere scharfen knip.
ere was die schouwe leit,
danne si die doden sneit
von des boumes aste nider
unde ginc zem huse wider.


Die andere posse
Doch do Behte nu verwant
ere leit, des si bevant,
dahte wider si und vör,
daz ez si die beste kör,
briede si die lieben dier
zeinem brasse alle vier,
die so vrü zere* urloup namen.
Behten do die trene quamen:
ja was doch die trure groz,
nu die hüner bar und bloz
lagen uf dem herde heizen.
ach, wie sus bevör der zeizen
diere quecker krat und sanc
trütliche* in dem hove klanc!
Behte aber gunde riezen
unde liez die zere vliezen.
sit die buben gudez smahten,
uf zem dache si sich mahten,
da si sahen dörch den slat
nidene die guden brat.
in der panne uf dem vüre
sanc ez liepliche* und gehüre.
Behte ginc mit eime deller
nider zeme vazze* im keller,
da der sure kol was inne,
wolde* en holen mit dem sinne,
daz sin süde, wande heiz
smecket wol he, so man weiz.
vlize was man uf dem dache
inne des bi arger sache.
Lenze mide* enbore brahte
einen hamen mit bedahte.
do da neic der ham und seic,
snap! – ein hun gach ufwert steic,
snap! – noch einez was im slade,
snap! – daz dritte reis der brade,
snap! – verswant daz leste dier –
obe waren alle vier.
swie der hunt do bellen mohte,
sin geschelle wenec dohte.
doch die buben ungemach,
rasch verliezen si daz dach.
ockers werre musez stufen!
Behte sa begunde wufen,
do si zu der panne quam
unde ledec si vernam.
nu die hüner vuren hinnen,
Behten quam der hunt ze sinnen:
„hunt, din übelheit is schin,
des saldu gestrafet sin!“
Behte nam den leffel lanc
unde sa den hunt bedranc.
gelle schallete sin gac,
sit unrehtes he enplac.
Lenze* und Lutze nach dem vraze
sliefen sat in einer saze,
unde von dem brasse* alein
schinen uz zwei hunes bein.


Aus: Der Mundart-Kurier – Mitteilungen der Gesellschaft für Nordhessische Mundarten, Nr. 7, 2006, S. 12. Das folgende Gespräch ebd., S. 16.


Der Literaturfund „Lenz’ und Lutze“

Werner Guth im Gespräch mit Kalli Klein

Kalli Klein,
vor allem bekannt als Mitglied der nordhessischen Liedermacher-Band „Die Rotkehlen“


Werner Guth: Sensationell, Kalli, absolut sensationell! Mit „Lenz’ und Lutze“ haben wir jetzt das mit Abstand älteste niederhessische Sprachdenkmal!

Kalli Klein: Jo, gewiß.

Guth: Von so etwas kann man in anderen Dialektgebieten wohl nur träumen!

Klein: Stimmet.

Guth: Mannomann – ich habe vor Aufregung die halbe Nacht nicht geschlafen, als Sie mir den Text zugeschickt haben, und ich kann’s immer noch nicht fassen. Aber nun mal Einzelheiten!

Klein: Perjament, zwölf Blatt.

Guth: Ja, ja – wie waren denn die Fundumstände?

Klein: Die Handschrift is bei Renovierungsarbeiten in ’nem alten Fritzlarer Fachwerkhaus gefunden worden. Se laach unner den Dählen.

Guth: Und wie sieht sie aus?

Klein: Perjament, zwölf Blatt.

Guth: Sagten Sie schon.

Klein: Zwölf Blatt, macht 24 Seiten.

Guth: Versteht sich. Und weiter?

Klein: Eijentlich sinn’s je sechs Böjen, gefaltet, beidseitig beschrieben, also 24 Seiten, ungefähr Großquart, Schweinslederbindung, Text durchgehend illustriert.

Guth: Und der Erhaltungszustand?

Klein: Wie neu. Ich konnte’s gar nitt glauben.

Guth: Wo ist denn die Handschrift jetzt?

Klein: Beim Hausbesitzer.

Guth: Wie bitte? Menschenskind, da müssen doch Wissenschaftler ran!

Klein: Jo, ich bin doch einer!

Guth: Wie kommen Sie denn auf die zeitliche Einordnung „um 1300“? Ist denn der Autor, dieser Cunze von Leimbach, irgendwie bekannt?

Klein: Nee. Ich hab’ die Handschrift nach rein textimmanenten Kriterien datiert. Paläographisch spricht nix dagäjen.

Guth: Völlig einverstanden. Der Sprache nach würde ich den Text ebenfalls in diese Zeit datieren.

Klein: Freut mich.

Guth: Und wie schätzen Sie den Inhalt ein?

Klein: Jo, ich hoffe doch: richtich.

Guth: Ich meine die Handlung, die Fabel. Ich hatte beim Lesen manchmal das Gefühl, daß ich die Geschichte von Lenz’ und Lutze und dieser Witwe mit den Hühnern von irgendwoher kenne.

Klein: Ich nitt.

Guth: Einige Male hatte ich sogar das Gefühl, ich kenne ganze Zeilen . . .

Klein: Vielleicht is je der Text später moh ins Neuhochdeutsche üwwerdraachen worden. So was giwwet’s.

Guth: Natürlich, man braucht nur an den spätmittelalterlichen Reflex des Hildebrandslieds zu denken.

Klein: Sähn Se.

Guth: Woher bloß kenne ich diese Geschichte von den beiden Lümmeln? Ich hab’ gegrübelt und gegrübelt, aber ich komme einfach nicht drauf . . . Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, Kalli, aber sind Sie sich denn auch ganz sicher, daß der Text wirklich echt ist?

Klein: Der is echt.

Guth: Nehmen Sie’s mir nicht krumm, aber ein Schuß Skepsis gehört nun mal mit zum wissenschaftlichen Geschäft.

Klein: Der Text is echt.

Guth: Was mich außerdem noch irritiert, ist, daß diese Witwe auf ihrem Dach einen Schornstein hatte. Meines Wissens gab’s bei uns im Mittelalter auf Bauernhäusern keine Schornsteine.

Klein: Saachen Sie. Laut Text gab’s awer welche.

Guth: Im nordhessischen Dreizonenhaus war’s doch bis ins 19. Jahrhundert üblich, daß über der Küche, die am Ende des Erns, also der Mittelzone, lag, die Wurschtekammer war. Durch einen Holzrost in der Decke stieg der Rauch vom gemauerten offenen Herd in die Wurschtekammer, von dort dann weiter auf den Dachboden und zog rechts und links durchs Ullenloch ab. Ein Schornstein mit Küchenanbindung war also nicht nur überflüssig, er wäre im Hinblick auf Wurscht und Schinken geradezu kontraproduktiv gewesen.

Klein: Kann je alles sinn, awer der Schornstein is keine moderne Erfindung. Das Wort alleine, das is je doch schonn uralt.

Guth: Unbestreitbar. Der Schornstein muß auf jeden Fall rauchen – d.h., wir drucken den von Ihnen vorbereiteten Textteil von „Lenz’ und Lutze“ im Mundart-Kurier ab. Dann haben wir wieder mal die Nase vorn! Oder ist schon irgendwo etwas veröffentlicht worden?

Klein: Nee.

Guth: Na, wunderbar!

Klein: Ich muß weg, Herr Guth. Ich muß in Wehren un Werkel noch AVON-Beratung machen.

Guth: Junge, Junge – hoffentlich verdienen Sie Ihre Brötchen bald auf andere Weise. Ich wünsche’s Ihnen.

Klein: Ich arweide dran.

Guth: Haben Sie denn zum Schluß wieder mal einen schönen Limerick für mich?

Klein: Moh üwwerläjen . . . Wie wär’s dann mit dem hier:

Der Dachdegger Kunze uß Leimbach,
der knallte moh runner vun eim Dach,
hott im Liewe de Knochen
sich alle gebrochen,
in Gips hä acht Wochen derheim’ laach.

Guth: Na – ein bißchen klemmt er wohl.

Klein: Awer er baßt.

Guth: In Ihr Geschichtsbuch? Wieso?

Klein: Nee, da baßt er nitt. Awer ich arweide inzwischen doch schonn an ’ner niederheßschen Lidderadurgeschichte.


Leserbrief zu „Lenz’ und Lutze“

Von Quirinus Quiddenbaum

Der Literaturfund „Lenz und Lutze“, aus dem Sie in der letzten Ausgabe des Mundart-Kuriers einen Auszug abgedruckt haben, hat mich außerordentlich bewegt, und das aus zwei Gründen:

Erstens haben wir endlich ein frühes Zeugnis des Niederhessischen, das ja aus dem Mittelalter nur fragmentarisch überliefert ist und aus Urkunden und Namensformen allenfalls ansatzweise rekonstruierbar ist. Zweitens haben wir nun endlich auch den Lenz-und-Lutze-Stoff in einer einheimischen Fassung. Ich selbst als lebenslanger passionierter Lenz-und-Lutze-Forscher darf feststellen: Der Stoff ist uralt, ja geradezu prähistorisch; er ist in zahlreichen Sprachen und Dialekten gestaltet worden, und – wie sich nun herausgestellt hat – auch in mittelalterlichem Niederhessisch (was ich ja eigentlich schon lange vermutet hatte).

Die beiden Lümmel Lenz und Lutze tragen in den verschiedenen Fassungen ganz unterschiedliche Namen: In der klassisch-lateinischen Fassung heißen sie Romulus und Remus, in der altgriechischen Kastor und Pollux.

Papyrus-Fragment, unterägyptisch

Der Lenz-und-Lutze-Stoff geht über das Griechische aufs Ägyptische zurück. Das älteste Zeugnis stammt aus Unterägypten aus dem 12. Jh. v. Chr. (Papyrus-Fragment) und beginnt folgendermaßen: jr ntf hr.tw sn 2 n wC(.t) mw.t n wC jt Mk3 s rn usw. (s. Abb.). Da die Ägypter nur Konsonanten schrieben, ist der Text leider etwas schwer zu lesen. Aus dem 1. Jh. v. Chr. ist allerdings eine oberägyptische Fassung in griechischer Schrift, also in einer gut lesbaren Fassung, überliefert, und zwar in sahidischem Dialekt. Da Sie ja an Mundartzeugnissen interessiert sind, teile ich Ihnen den Eingangspassus dieser Fassung mit:

Ouoei hah nsop ancotm
e anosch etbehenschere euhoou
nthekje mpsisnau nreferpethoou emate
etoumoute eroou dsche: Maks hi Morits.


Aus: Der Mundart-Kurier, Nr. 8, 2006, S. 14.


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