Das „Dippen“

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Von Werner Guth


Im hohen Mittelalter standen im Deutschen zur Bezeichnung des Gefäßes zum Kochen vier Wörter zur Verfügung. Sie waren landschaftlich gebunden und sind es als Regionalismen heute noch. In mittelhochdeutscher Zeit (ca. 1050 – ca. 1350) gab es – ganz grob – im Oberdeutschen den haven, im Ostmitteldeutschen den topf, im Westmitteldeutschen, wozu das Hessische gehört, das tupfen, duppen (die u sind als ü zu lesen) und im Mitteldniederdeutschen den pot, put, daneben den dop, doppe (= Entsprechung zu topf).

Erst durch Luther, der ja im ostmitteldeutschen Sprachgebiet zu Hause war, wurde Topf zur heute allein als hochsprachlich geltenden Bezeichnung und drängte die übrigen in den regionalen Wortschatz ab. Allerdings kannte Luther durchaus auch das Wort Dippen: „...ein alte Fraw, welche die Düppen zurüsten wolte, da man die getrencke inne machen wolt...“

Dem Brasilienfahrer Hans Staden aus Homberg war Topf scheinbar noch nicht geläufig. Er schreibt in seinem Reisenbericht von 1557 mehrfach düppen, z. B.: „...sie {d. h. die brasilianischen Eingeborenen] nennen die wurtzel Mandioka vnd sieden gantze düppen voll...“

Dippen oder Dibben (die hochdeutsche Entsprechung wäre Tüpfen, belegt als tupfen, s. o.) ist sichtlich eine Ableitung von Topf, ohne daß sich allerdings Topf selbst im „Dippen-Gebiet“ gehalten hätte. Interessanterweise ist Dippen mit seiner althochdeutschen Vorform tuphin (ph = pf) die am frühesten belegte der Gefäßbezeichnungen.

Topf und die Ableitung Dippen sind hohen Alters. Anzusetzen ist für Topf die germanische Vorform *dupp-, vermutlich mit der Endung -az, also *duppaz. Für Dippen ist als germanische Vorform *duppina anzusetzen, eine Ableitung von *dupp- mittels eines sog. n-Suffixes. Die Deutung muß unsicher bleiben: Ist das i vor dem n als kurz anzusehen, so wäre mit *duppina einfach eine Zugehörigkeit zu *dupp- ausgedrückt, etwa: ‚topfartiges Gefäß‘. Ist das i lang, wäre die Bedeutung ‚Töpfchen‘, was in Anbetracht vieler großer Dippen, die jeder kennt, nicht recht einleuchten will. Aber das mag ja vor 2000 Jahren anders gewesen sein.

Die Entwicklung *dupp- > topf und *duppina > tüpfin > tüpfen ist sprachwissenschaftlich gesehen durchsichtig. Anzumerken bleibt: Im Westmitteldeutschen unterblieb die Lautentwicklung pp > pf (7., 8. Jh.), so daß im Hessischen der sprachliche Vorläufer unseres Dippens um 1200 *tüppen gelautet haben muß. Wie sich an der Entwicklung von Ortsnamen zeigt (z. B. bei Deute, Dissen), wurde im 13. Jh. anlautendes t zu d, womit man bei Stadens düppen ist (die sog. „Entrundung“ von ü zu i trat offenbar erst später ein).

Topf ist mit tief verwandt. Beide Wörter basieren auf der indogermanischen Wurzel *dheub-, *dhoub-, *dhub- ‚tief, hohl‘. Man vermutet, daß die Grundbedeutung von Topf etwa ‚Vertiefung, Höhlung‘ war und ein Erdloch bezeichnete, in dem Speisen zubereitet wurden. Daran habe ich erhebliche Zweifel. Meiner Meinung nach dürfte mit Topf eher ein ‚tiefes‘ Gefäß bezeichnet worden sein im Gegensatz zu einem flachen, schalenartigen.


Aus: Der Mundart-Kurier – Mitteilungen der Gesellschaft für Nordhessische Mundarten, Nr. 9, 2007, S. 10


Zugabe:


Zungenbrecher
Von Lorenz Landsiedel


Klein Hans ins Gaggedibben gigged,
in das hä Gaggge hodd gedrigged.
Wie in de Gagge hä gegoggen,
die digg’ im Dibben lichd un droggen,
ludder Broggen Gaggeschdigger,
do died en Gaag där Dibbengigger.
„Des Dibben, Mudder, gugg, es vull!“
der Gaggegigger gaagd wie dull.


Lorenz Landsiedel: Schwarz uff wiß – Eine hessische Chronik in Kasseler Mundart.
Hrsg. v. Quirinus Quiddenbaum in Verbindung mit Werner Guth. Niedenstein 1995. S. 181


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