D'r Erlkeenig

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„D'r Erlkeenig“ ist eine persiflierende Erweiterung von Goethes „Erkönig" durch Hermann Elsebach alias Christejahn Duckefedd (1883 – 1933) in Kasseler Mundart. Der Text wurde 1910 erstmals publiziert.

Inhaltsverzeichnis

Text


D'r Erlkeenig


Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
(So lossen, so lossen doch rieden!)
Es ist der Vater mit seinem Kind.
(Der kunnde 'ne Droschke sich mieden!)
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
(Sall hä'n uffen Buckel sich hangen?)
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
(Das kann me vun'n Vadder verlangen!)


„Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?“
(Was siehd hä bi schdockfinsteren Himmel?)
„Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
(Der Junge hodd, glauw' ich, en Fimmel?)
Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif?“
(Ne Krone wohl, awwer kinn Schwänzchen!)
„Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.“
(Du faselst, minn liewes Hänschen!)


„Du, liebes Kind, komm geh' mit mir!
(Der Junge, der äß doch in Läddschen!)
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir!
(Das Kend sall Kahrden nidd bläddschen!)
Manch bunte Blume wächst an dem Strand,
(Die hodd hä d'rheime in Dibben!)
Meine Mutter hat manch gülden' Gewand.“
(Dodrimm' bruchd hä au nidd ze hibben!)


„Mein Vater, mein Vater und hörest du nicht
(So loß doch in Ruh dinnen Ahlen!)
Was Erlenkönig mir leise verspricht?"
(Glich wedde de Schnudde wohl hahlen?)
„Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!
(Sunst gewwed's verhafdich noch Schmisse!)
In dürren Blättern säuselt der Wind.“
(Mä sinn in der Schwanenwisse.)


„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
(Midd dä? Wohenne, du Driewer?)
Meine Töchter sollen dich warten schön!
(Der Junge geheerd nidd bi Wiewer!)
Meine Töchter führen den nächtlichen Reih'n
(Die Mäderchen geheeren in's Bedde!)
Und wiegen und tanzen und singen dich ein!“
(Minne schnarchen schund imme de Wedde!)


„Mein Vater, mein Vater und siehst du nicht dort
(Nu hahl awwer bahle de Klabbe!)
Erkönigs Töchter am düstern Ort?“
(Baß uff! Wenn ich dä einen schnabbe!)
„Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau,
(D'r Ahle geheerd bi de Kälwer!)
Es scheinen die alten Weiden so grau!“
(Ich glauwe, hä firchded sich selwer!)


„Ich liebe dich! - Mich reizt deine schöne Gestalt!
(Hä äß doch in Diecher gewickeld!)
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!“
(Jetzt hodd sich d'r Junge verschdickeld!)
„Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
(Dinn Ahler häld dich doch blos feste!)
Erlkönig hat mir ein Leid's getan!“
(En richdiger Unleid bäste!")


Dem Vater grauset's. - Er reitet geschwind.
(Ich sahde's je schund: hä hodd Bange.)
Er hält in den Armen das ächzende Kind.
(So Umschdänne machd' ich nidd lange!)
Erreicht den Hof mit Müh und Not!
(Jetzt kann hä'n awwer verdreschen!)
Und - kommt doch noch pünktlich zum Abendbrot!
(Ach - dodrimme hodd hä gekreschen!)


Textvortrag

„Elsebachs Erlkeenig ist für den Vortrag durch zwei Personen gedacht.“ Ohne Klammern „ist Goethes Originaltext gesetzt, der durch einen Hochdeutschsprecher vorzutragen ist; [...] in Klammern gesetzt sind Elsebachs Zusätze, mit denen ein [Kasseler] Mundartschnuddler die jeweils vorhergehende Zeile mehr oder weniger scharfsinnig kommentiert. Goethes Text läßt Elsebach unangetastet - bis auf die letzte Zeile. Sie heißt im Original: „In seinen Armen das Kind war tot.“ Wer Spaß an solch schimpflichem Umgang mit unseren Großen hat, der mag sich am Erlkeenig versuchen! (Nicht zu berücksichtigen braucht er dabei Elsebachs konsequentes Vermeiden des Dativ-m[1]. [...]“[2]

Textquelle

  • Us minnen Dagebuche. Gedichte in Casseläner Mundart. Vunn Christejahn Duckefedd. Kassel 1910, 2. Aufl. 1919. – Oben zitiert nach der 2. Aufl.

Literatur

  • Guth, Werner: Elsebach - der Respektlose. In: Der Mundart-Kurier 12, 2008, S. 8. – Mit Abdruck des Erlkeenigs.
  • Hermsdorff, Wolfgang: Duckefedds „Erkeenig“. Hermann Elsebach und seine Balladen-Parodie. (Kasseler Deutsch und seine Dichter 30.) In: Hess. Allgemeine v. 24. 10. 1970.

Querverweise

Netzverweise

Anmerkungen

  1. Ersatz des Dativ-m durch ein n ist eine bloße Sprachnachlässigkeit, kein authentisches Merkmal des Kasselänschen. Merkwürdigerweise wird diese Nachlässigkeit von manchen als Dialektmerkmal angesehen.
  2. Guth 2008.
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